Der nervöse Baum

Baum nach Schnitt Baum drei Jahre nach dem SchnittWer in der blattlosen Phase der Vegetation (Herbst, Winter) wie im Bild links schneidet, muss mit einer Reaktion wie im Bild rechts (anderer Baum) rechnen.

 

Was ist da falsch gemacht worden?

Es wurde zu „flach“ und zu brutal geschnitten! Wenn man dem Baum fast alle aufrecht stehenden Äste entfernt, so reagiert er mit panikartigem Wuchs. Er weiß seit etwa 250 Millionen Jahren nur eines: Um im dichten Wald zu überleben muss er nach oben wachsen, sonst fehlt ihm irgendwann das Licht. Erst der Mensch sorgt(e) dafür, dass er solitär stehend genug Licht bekommt. Seine altbewährte Überlebenstechnik können wir ihm aber nicht abgewöhnen. Wir sollten sie auch nicht provozieren, auch wenn im Februar die Lokalblätter der Zeitungen mit Einladungen zu Schnittkursen voll sind.   
Im Herbst hat er alle Stoffe aus den Blättern, die er in der nächsten Saison wieder einsetzen kann/muss, in den saftführenden Bahnen des Holzkörpers zwischengelagert. Dort dienen ihm diese Mineralsalze/Zuckerstoffe über Winter als Frostschutz. Nun hat ihm die Gärtnerin bzw. der Gärtner im Februar sehr viele Knospen, aber relativ wenig Holz entfernt.
Im Frühjahr drückt der Baum die eingelagerten Stoffe in die verbliebenen Knospen und diese „explodieren“ regelrecht zu steilem und kräftigem Wachstum. Er kämpft nun ums nackte Überleben, Fruchten interessiert ihn vorerst nicht. Manche Buchautoren nennen das einen „nervösen“ Baum!
Im ersten Jahr entstehen an den neuen Trieben nur Holzknospen. Die Fruchtknospen erscheinen bestenfalls im zweiten Jahr. Blühen wird dieser Baum sehr wahrscheinlich erst im dritten Jahr, wenn seine Blütenknospen überhaupt solange in Ruhe gelassen werden.

 

Drei Jahre danach

Nun, der abgebildete Baum (Bild rechts) hat inzwischen viele Fruchtspieße angesetzt und hat sich schon von selber etwas beruhigt. Dass die senkrechten Triebe aber zu dicht sind, ist offensichtlich. Er wird auch munter blühen, das erkennt man an den vielen Fruchtspießen (kurze Sprossen entlang der aufrechten Zweige). In voll belaubtem Zustand wird aber jeder Frucht und jedem Blatt im Innenbereich der Krone das Licht fehlen. Die Mehrheit der jungen Äste wird verkahlen, bzw. sie streben weiterhin in die Höhe. Die längsten werden sich, unter dem Gewicht der Blätter und Früchte, neigen und sind für den Aufbau einer tragfähigen Krone nur bedingt geeignet. Das verflochtene Gestrüpp wuchert weiter…
Wie kann man den Baum beruhigen und eventuell noch in diesem Jahr fruchten lassen?
Hier sind ein wenig Fingerspitzengefühl und ganz viel Geduld gefragt. An den jungen Ästen tue ich zu diesem Zeitpunkt vorerst wenig bis gar nichts! Ich entferne die dicken „Träger“ (kurze Basisäste), die von außen nach innen wachsen, mitsamt dem daran befindlichen Reisig. Danach folgen alle Träger die seitlich kreuz und quer gewachsen sind. Damit ist das Dickicht schon deutlich ausgedünnt.
Wenn die „Ständer“ an einem waagerechten Ast immer noch zu dicht stehen, dann entferne ich jeden dritten oder höchstens jeden zweiten davon. An der Höhe wird nichts geändert, wenn es in den Händen auch noch und noch so juckt! Leider habe ich von dem Baum in Bild 2 kein weiteres Bild (nach dem Schnitt), da ich das Einverständnis des Grundstückbesitzers dazu nicht hatte.

 

Unser Lohn für die Geduld

Ich habe aber Bilder von Bäumen, die nach dieser Methode behandelt wurden. Die fruchtbeladenen Äste haben sich in großen Bögen geneigt (Bild 3). Manche Äste sind angebrochen, haben aber trotzdem bis zum guten Ende gefruchtet. Andere sind ganz abgebrochen und vertrocknet. Nach der Ernte haben sich einige der jungen Äste wieder komplett aufgerichtet.
Erst ab diesem Zeitpunkt kann man wieder von „Schnittkunst“ sprechen.

Zwei Wochen nach der Ernte (Blätter noch grün!) wurde das beschädigte Material entfernt und die Krone ausgedünnt. Mit einigen aufrecht stehenden Ästen konnte man so etwas wie eine neue Krone formen und auch die Höhe einiger Äste im Außenbereich herunternehmen. Einen klar positionierten Mitteltrieb haben diese Bäume nicht, der muss auch gar nicht sein.
Im Frühjahr 2016 war es für die Bienen zu kalt bzw. die Blüten der Bäume sind im Dauerregen „ertrunken“. Die Ernte ist folglich komplett ausgefallen. Diese Pause könnte den Bäumen gut getan haben, aber mal sehen…

 

Autor: Kurt Kuhn