Es gibt immer wieder widersprüchliche Diskussionen über diese Problematik. Dabei werden durchaus logische als auch haarsträubende Argumente, meist gegen den Schnitt, hervorgebracht:

 

Den Baum so wachsen lassen wie er mag

Das wird er auch tun. Krankes und vertrocknetes Holz kann er nicht abstoßen und wird dadurch geschädigt. Er wird auch so viel Obst tragen wie er kann oder mag.

Die ungeschnittene Krone wird sich überbauen und die unteren Astpartien werden höchstwahrscheinlich vertrocknen. Der Innenbereich der Krone wird nur noch aus kahlem Holz bestehen. Bei einem sich selbst überlassenen Zwetschgenbaum habe ich Äste gesehen, die fünf Meter lang waren und an der Spitze gerade mal sieben Blätter hatten. Eine wahre Meisterleistung! Die eiförmige Krone produzierte nur im Wipfelbereich Obst. So ein Baum sieht nur im belaubten Zustand und nur aus großer Entfernung gut aus.

Wenn man konsequenterweise der Natur ihren freien Lauf lassen möchte, so sollte das Bäumchen oberhalb der Veredlungsstelle niemals geformt werden, auch nicht in der Baumschule. Der Baum hätte dann einen sehr kurzen Stamm und die Krone bekäme, im Idealfall, die Form einer Spindel. Die unteren Astpartien werden aber langsam vertrocknen. Der Baum wird folglich immer anfälliger für Holzkrankheiten und ist somit zu einem frühen Abgang verurteilt.

Oftmals bildet sich bei ungeschnittenen Bäumen aus dem Mitteltrieb ein langer Bogen, darauf wachsen einige Ständer - die den Bogen erst recht herunterdrücken - und langfristig entsteht aus der Krone ein unförmiges Gebilde. Welcher Gärtner hat aber das Durchhaltevermögen, sich dieses Bild des Elends dauerhaft anzusehen?

 

Dicht werden lassen und danach schneiden

Das ist meistens eine faule Ausrede. Der Innenbereich der Krone verkahlt und im Außenbereich entsteht eine dünne Blätterschicht. Dahinter gibt es gar nichts mehr zu schneiden, da nur kahles Geäst übrig bleiben würde. Man sehe sich mal eine brutal zurück geschnittene Thujahecke an...

 

Gründlich schneiden und danach den Baum jahrelang in Ruhe lassen

Es ist absolut falsch, dem Baum einen großen Teil der Krone auf einmal wegzuschneiden, da er panikartig mit verstärktem Wachstum darauf reagiert und danach doch wieder in den ungepflegten Zustand verfällt. Radikale und umfangreiche Korrekturen sind bestimmt aufwendiger als regelmäßiges Ausputzen. Baumpflege ist ein steter Vorgang!

 

Schneiden bedeutet Schmerzen

Könnte stimmen. Wir wissen es nicht. Manche Gärtner, die diese Philosophie vertreten, haben aber das Herz um zuzusehen wie ihr Liebling mit Krebs, Kragenfäule, Spitzendürre, vertrockneten oder ausgeschlitzten Ästen usw. qualvoll dahinsiecht.

Wenn der Baum doch nur ganz leise stöhnen könnte! Der Grund für dieses Verhalten liegt meistens in Unwissenheit und Ignoranz! In einigen Fällen können solche Liebhaber gar kein abgestorbenes oder krankes Holz erkennen. Erst wenn man eine der o.g. Baumkrankheiten kennt, kann man verstehen was ein Obstbaum erdulden muss bis er in der Brennholzphase angekommen ist. Viel schlimmer ist es, wenn diese Baumbesitzer gar nicht bereit sind, sich die Problematik erklären zu lassen: Zehn Schritte bis zum Baum und fünf Minuten Aufmerksamkeit sind schon zu viel verlangt! Ob ein kranker Baum zum Infektionsherd für andere Bäume in seinem Umfeld wird, interessiert diese Personen sowieso nicht.

 

Ja oder nein?

In vielen Fällen wollen es die Leute einfach nicht zulassen und basta.

Ich tue es wo ich selbst bestimmen kann und wo ich es darf - basta!

Ich baue dadurch eine tragfähige Krone auf, die luft- und lichtdurchlässig ist, die Blätter und das Holz trocknen schneller nach dem Regen, das Obst wird besser besonnt, das Pflücken der Früchte ist einfacher und sicherer, der Baum produziert regelmäßig junges Fruchtholz, es wird keine Wuchskraft vergeudet und es wird (was für den Baum lebenswichtig ist) krankes und vertrocknetes Material entfernt. Mit naturgerechtem Schnitt, d.h. mit relativ steil stehenden Leitästen, kann man Schäden durch Astbruch bei Vollertrag, Schnee und Hagelschlag vermeiden oder reduzieren.

Man macht überhaupt nichts verkehrt wenn man Äste entfernt die:

  • vertrocknet oder krank sind,
  • aneinander reiben,
  • parallel zu einem darunter liegenden Ast wachsen,
  • von außen nach innen wachsen,
  • lang gestreckt nach unten hängen und
  • die als Konkurrenz- bzw. Schlitzäste klar erkennbar sind.

Bäume sollte man so schneiden, dass sie es gar nicht merken. Man kann die Schnittarbeiten auf mehrere Aktionen im Jahr verteilen. Wenn man die Wuchsgesetze beachtet und den Zeitpunkt richtig wählt, ist weniger daran zu schneiden als viele Hobbygärtner meinen.

Oftmals sieht man ungeschnittene junge Bäume mit sehr langen aber dünnen Ästen.

Wie soll irgendwann daraus eine tragfähige Krone entstehen? Im besten Falle bilden sich lange Bögen, die später viele Ständeräste produzieren.

Manche Leute mögen Bäume mit einem 3 Meter hohen Stamm und bis zum Boden hängenden Ästen. Ich bevorzuge es umgekehrt: Kurzer Stamm und aufstrebende Äste. Schließlich muss jeder Baumbesitzer selbst entscheiden ob er einen aufrecht stehenden Obstbaum oder einen Sonnenschirm haben möchte.

Mit dem Gehölzschnitt kann man den Baum gesund halten und sein Wachstum zum Nutzen des Menschen beeinflussen.

 

Mit freundlicher Genehmigung des OLV Organischer Landbau Verlag Kurt Walter Lau aus "Obstgartenhandbuch für Selbstversorger", ISBN 978-3-922201-89-2

 

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